30. Dezember — Abschied von 2020

Ein tur­bu­lentes Jahr geht zu Ende. Wie kann man es ver­ab­schieden? Ein Ritual für Wärme.

Ein Jahr voller unab­seh­barer Gescheh­nisse. Ereig­nisse, die wir uns nie­mals hätten vor­stellen können sind über uns her­ein­ge­bro­chen. Men­schen werden ange­halten Abstand zu halten, kör­per­liche Nähe wird dem­nach zu einer Seltenheit. 

Gerade in meinem Beruf als Bestat­terin, bei dem ich Men­schen oft­mals sehr schnell in den Arm nehme, damit Trost spende und Kraft zurück­geben möchte, ist das sehr schwer. 

 

 

Was hilft da in Zeiten dieser feh­lender Wärme, feh­lender Zuwendung?

 

 

Ein kleines Ritual, dass wir wäh­rend des ersten Log downs, als die Fried­hofs­ka­pellen geschlossen waren, ent­wi­ckelt haben, hatte tat­säch­lich mit Wärme zu tun. Innerer und wie auch äus­serer. Es gab keine Rede, keine Worte waren dem ent­spre­chend was die Ange­hö­rigen und auch der Freun­des­kreis hätten hören wollen, geschweige denn einem Redner erzählen wollen. Sie waren erstarrt über den plötz­li­chen Tod eines jungen Mannes. Erstarrt und sprachlos. In einem kleinen Neben­satz hörte ich von den Freunden, dass dieser junge Mann ein Lieb­lings­ge­tränk hatte. Kakao! Aber nur eine ganz bestimmte Sorte. So fragte ich vor­sichtig nach, ob denn jemand den Her­steller kennt. Das wussten alle, die da am Tisch um mich herum sassen. Tage später fuhr ich mit dem Auto zum Gen­dar­men­markt und drückte die schwere Tür am Ein­gang dieses Nobel­cho­co­la­tiers auf. Auf Anhieb fand ich den Kakao und kaufte in der glei­chen Geschmacks­rich­tung noch kleine, sehr edel ver­packte Scho­ko­la­den­ku­geln. Die sollten auch mit. Der Tag an dem die Bei­set­zung statt­ge­funden hat war ein kühler und trüber Tag. Das hätte ich mir für die jungen Men­schen anders gewünscht. Ich jeden­falls war vor­be­reitet mit einem schön gedeckten Tisch mit langer Tisch­decke an der Grab­stelle. Der Ver­stor­bene war ein Ästhet. Auch da waren sich alle einig. So habe ich meine schwarzen Ther­mos­kannen mit einem roten Bänd­chen auf dem der Name des Ver­stor­benen stand, ver­sehen, die Tassen in schlicht weiss und eine grossen Sil­ber­schale mit roten Scho­ko­la­den­ku­geln auf­ge­stellt. Kerzen und rote Blü­ten­blätter um die Grab­stelle und auf den Tisch verteilt.

 

 

Mut zur Liebe

 

 

Ich habe mich getraut dies zu tun, ohne grosse Absprache mit den Freunden und Ange­hö­rigen, die eigent­lich nichts wollten. Vor allem nicht diesen unfass­baren Tod. Als wir dann dort standen, begann ich die ersten Tassen mit dem heissen Kakao zu füllen und nach und nach halfen die Freunde mit. Als die Urne gesenkt wurde, standen wir im  Kreis um die Grab­stelle, jeder mit einer wär­menden Tasse Kakao in der Hand. Vor­sichtig und zöger­lich wollten die ersten Worte gesagt werden. Die Sil­ber­schale mit den Pra­linen wurde her­um­ge­reicht . Die Kälte der Situa­tion schmolz dahin. Es begann ein Aus­tausch. Erleb­nisse wurden erzählt, Kakao­ge­schichten ver­kündet und vieles, sehr per­sön­li­ches mehr. Es wurde wärmer um uns und in uns. Und irgend­wann wurde auch mal geschmun­zelt. So kann es gehen, dass durch einen warmen Schluck Kakao, Men­schen wieder Worte finden. 

 

 

 

Was fehlte in diesem Jahr am meisten?

 

 

Ich denke für viele die Nähe, sprich die Wärme. Es gibt aber viele kleine Mög­lich­keiten Wärme zu ver­schenken. Manchmal muss man nur genau hin­hören oder hinsehen. 

 

geschrieben von: Susanne Eckl

2021-01-11T10:44:23+01:0010. Juli 2019|Blog|