Waschen, Schneiden, Fönen, Carmen Mayer

Unterwegs im Kiez und anderswo – kurze Geschichten über das Leben und den Tod

Carmen Mayer, Trauerbegleiterin https://www.carmenmayer.de/

Als vor vielen Jahren mein Sohn gerade gestorben war, saß ich in meinem Kiez beim Friseur auf dem Stuhl und mußte ganz plötzlich schrecklich weinen. Meine damalige Friseurin reichte mir ein Taschentuch und sprach ein paar liebe Worte. Einige Zeit später ging ich, um eine neue Frisur reicher und reicher um eine Geste an Anteilnahme und Mitgefühl.

Sprechen andere Menschen auch über ihre Trauer und den Tod beim Friseur? Wie ist das dann für die Friseur*in? Machen sich Menschen nach einem Schicksalsschlag eine komplett neue Frisur, und was hat eine Friseur*in sonst noch zu dem Thema Tod und Trauer zu berichten? Das frage ich mich heute, wenn ich an meinen damaligen Friseurbesuch denke.

All diese Fragen wollte ich nun bei meinem kommenden Besuch an mein Lieblingskiezfriseurteam „Zu den Schnittigen“ (https://zudenschnittigen.wordpress.com) stellen. Das Team besteht aus Kati, Eric und Andy und, nicht zu vergessen, Lotti, der Salonhündin. Ein Friseurteam mit viel Herz und Leidenschaft für seine Kund*innen, nicht nur für ihre Haare.

So saß ich an einem Tag im Januar bei den Dreien im Salon, sie hatten Zeit und die Bereitschaft, mit mir über all meine Fragen zu sprechen, während Andy mir die Haare schön machte, und dabei kam folgendes heraus:

Alle Drei berichten davon, dass Kund*innen regelmäßig erzählen, wenn ein nahestehender Mensch gestorben ist. Kati erinnert sich an eine ältere Dame, die ganz berührend von ihrem verstorbenen Mann berichtet hat. „Da zuckt dann schon mal meine Unterlippe und man hat ein paar Tränen in den Augen stehen“. Andy findet auch wichtig, dass man ein Feingefühl dafür entwickelt, was die trauernde Kund*in gerade braucht, z. B. sie nicht unnötig mit Fragen zu löchern, manchmal lieber weniger zu sagen, und vor allem Zuhören und Dasein. Eric beobachtet noch einen ganz anderen Aspekt: das Rollenverständnis der älteren Generation. Vor kurzem schnitt er einem 87jährigen Herrn die Haare, dessen Frau vor einiger Zeit verstorben ist. Der Herr war verärgert, wütend und auch verzweifelt darüber, dass er jetzt in so viele Dinge hineinfinden müsse, die vorher alle seine Frau gemacht hätte wie Putzen, Einkaufen und Kochen. Das bekäme er alles gar nicht hin, er hätte neulich über eine Stunde lang den Putzlappen gesucht. — Viele Trauernde kennen das, dass sie Dinge nach dem Tod einer Partner*in (wieder) lernen müssen, die diese vorher ausgeführt hatte, sich anpassen an neue Lebensumstände. Gut, dass man da den Friseur an seiner Seite hat, der dann auch Mut macht, Hilfe von Dritten anzunehmen.

Mit Andy habe ich zuletzt die Frage diskutiert, ob sich denn viele Kund*innen die Haare nach dem Tod eines nahen Menschen völlig anders machen lassen. Tatsächlich, meinte er, machen das einige, bei manchem sei dies sogar extrem. Da ist von der Frisur über die Farbe alles neu. Andy erinnert sich selbst daran, dass er bei der Beisetzung seiner Mutter blonde Haare hatte, aber danach sich diese dunkel färben ließ. Das hätte auch seiner Stimmung entsprochen. 

Es wird deutlich, dass Friseure mehr sind als nur reine Haar-künstler*innen. Sie sind Gesprächspartner*innen, Therapeut*innen, Zuhörer*innen und auch Begleiter*innen in Trauer- und Krisenzeiten. Kati meinte ganz trocken dazu: „Das ist mein Job“. Andy lacht und nickt zustimmend. Und auch Eric sieht das ähnlich: „Das gehört alles dazu und bei uns sind alle willkommen, so wie sie sich gerade fühlen. Und manchmal ist das auch viel wichtiger, als der Haarschnitt selbst!“

Um kurz nach 20 Uhr verlassen die Drei dann ihren Laden. Nach Hause nehmen sie nichts mit von den persönlichen Schicksalen ihrer Kund*innen. „Wenn die Türe sich hinter uns schließt“, sagt Kati, „dann ist Feierabend!“

Vielen lieben Dank an das Friseurteam „Zu den Schnittigen“ für die Zeit und die Offenheit für dieses Thema! 

2019-02-11T17:50:45+00:0011. Februar 2019|Blog|