Hommage an meinen herzallerliebsten Freund und irgendwie auch an Leonard Cohen, Carmen Mayer, Trauerbegleiterin

„Wir machen alte Kisten auf, holen unsere Geschichten raus. Ein großer, staubiger Haufen Altpapier. Wir hören Musik von früher, schauen uns verblaste Fotos an, erinnern uns, was mal gewesen war.“ (Altes Fieber von den Toten Hosen)

Mein bester Freund starb im Dezember 2011. Dabei hatten wir die
Verabredung, wenn wir alt und grau sind, im Rollstuhl Wettrennen zufahren.

Es war kurz nach Nikolaus als seine Mutter anrief und sagte, dass er tot in seiner Wohnung gefunden wurde. 
Neben ihm lag mein Geburtstagsgeschenk an ihn. Ein Gedichtband von Leonard Cohen, „Buch der Sehnsüchte“. Das Lesezeichen steckte noch darin. Auf der zweiten Seite stand meine Widmung „Für meinen Herzallerliebsten“. Wir beide nannten uns seit vielen Jahren die „Herzallerliebsten“. Dabei war das „Herz“ nie ausgeschrieben, sondern immer ein rotes Herzsymbol.

Niemals mehr werde ich einen seiner vielen Briefe, die fast wöchentlich in meinem Briefkasten lagen, rausholen. Erkennungszeichen rotes Herz.

Einige Monate später übergab mir seine Schwester in einem Café das Leonard-Cohen-Buch zusammen mit seiner Gitarre. Sein Gitarrenkoffer roch nach ihm und es fühlte sich falsch an damit in der U-Bahn nach Hause zu fahren. Seine Klampfe, wie er sie liebevoll nannte, gab er niemals in andere Hände.

Viele Sommerabende saß ich mit seinem Gitarrenkoffer und dem
Leonard-Cohen-Buch auf dem Balkon. Das Gedicht, an dem das Lesezeichen steckte, konnte ich mittlerweile auswendig und aus meinem Kopfhörer dröhnte in der Dauerschleife abwechselnd Leonard Cohens „Suzanne“ und „Hallelujah“.

Dass Leonard Cohen meinen herzallerliebsten Freund überlebt hat, war lange Zeit unfassbar für mich. Gerade erst hatten wir doch überlegt zusammen zu einem Konzert von ihm zu gehen. Wir dachten, es wird jetzt Zeit, bevor Leonard Cohen stirbt. 

Fast genau fünf Jahre nach dem Tod meines herzallerliebsten Freundes starb Leonard Cohen. Die Schwester meines herzallerliebsten Freundes schickte mir eine Nachricht. Es war ein grauer Novembertag. 
Ich weinte, während draußen die Regentropfen an die Scheibe klopften. 

Auf dem Grab meiner Kinder ist ganz hinten ein Buchsbäumchen eingepflanzt. Das hatte mein herzallerliebster Freund bei seinem letzten Besuch in Berlin eingepflanzt. Das war ihm wichtig.


Danke an Simon für einen Abend im September am Starnberger See, der mich zu diesem Blogartikel inspirierte.

Carmen Mayer, Trauerbegleiterin, www.carmenmayer.de

2019-09-19T13:33:52+02:0016. September 2019|Blog|